Mein „Ding“ kann sprechen

( Was ungesagt bleibt )

Ein Kunstprojekt für Männer ab 12 Jahren

 

Ausgangsidee und Ziel des Projektes

Junge Menschen sind heute durch die übermäßige unkontrollierte Nutzung von Medien, kaum in der Lage das Erlebte zu verarbeiten, da es an Gelegenheiten fehlt darüber zu sprechen oder durch intensive körperliche Betätigung Spannungen abbauen zu können. Vieles bleibt unreflektiert und erzeugt sogar Sprachlosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Dies trifft vor allem die Jungen, da sie Sprache selten als Möglichkeit der Konfliktbewältigung oder der Gefühlsäußerung nutzen können oder wollen. Gerade mit Beginn der Pubertät verstärkt sich die Verschlossenheit, da zu wenig Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen, um mit den Veränderungen des Körpers und der damit verbundenen „unbekannten“ Gefühlswelt umgehen zu können.
 
         
 

Projektvorlauf (Findung der Teilnehmer und Mitarbeiter)
Vor ca. 3 Jahren entstand aus der Jugendarbeit der Friedenskirche Marl heraus, das Diakonische Jugendprojekt WillmA (Wohnen im Laden Lokal mit Aktion).
Dieses offenen Angebot, das in einem leerstehenden Ladenlokal im Stadtteil Marl - Hüls 2-3 x wöchentlich stattfindet, stellte sich als eine enorme Herausforderung für die Jugendgruppe der Friedenskirche da.

 

 

 

 

Mitarbeiter und Gruppe:
Als junge Projektmitarbeiter, nebenHelmut Schmidt

(Bildhauer und Maler
und Beate Lüddecke (Erzieherin, Malerin, Leiterin des WillmA - Projektes und der Jugendgruppe der Friedenskirche), stellten sich drei Jungen der Jugendarbeit der Friedenskirche zur Verfügung. Ihre Aufgabe bestand darin, neben den erwachsenen Projektleitern, Ansprechpartner für die jungen Teilnehmer zu sein.

Die Gesamtgruppe einigte sich auf den Bau lebensgroßer Gliederpuppen aus Holzlatten und Metallwinkel. Diese „Dinger“ sollten die Körpermaße seines Erbauers haben und individuell gestaltet werden.
Das ganze Projekt wurde von dem 16 jährigen Timo Kube mit der Digitalkamera dokumentiert.

Um die eigenen Körpermaße so genau wie möglich zu erhalten, halfen sich die Teilis untereinander beim Vermessen. Da war nicht nur „ Nähe zulassen“ angesagt, sondern auch der ein oder andere derbe „ Männerscherz“.
Die Stimmung der Gruppe war schon in den ersten Treffen offen und fröhlich. Alle zeigten großes Interesse daran ihre Ideen umzusetzen und mit dem anderen über unterschiedlichste „ bautechnische“ Probleme zu reden.
Der Austausch war sehr lebendig und „ Fachmän-nisch“. Der Umgang mit Werkzeugen stellte für die meisten eine Herausforderung da. Kaum ein Projekt-teilnehmer hatte Erfahrungen im Umgang mit Bohrmaschine, Stichsäge und Einsatz von Verbin-dungselementen.
Unter fachlicher Anleitung von Herrn Schmidt, stellte der Umgang und Einsatz der Arbeitswerkzeuge kein Problem mehr da.
Immer häufiger kam es über den Bau hinaus zu persönlichen Gesprächen, zwischen den unterschiedlichsten Teilnehmern. Zentrale Bezugsper-sonen stellten sich die jungen Mitarbeiter Jonas Elsner, Gunnar Riemenschneider und Patrick Reinders heraus.
Da sich das Projekt über mehrere Monate erstreckte, war eine intensive Beziehungsarbeit der Projektleitung zu den Mitarbeitern, auch außerhalb der Projekttage zu den Mitarbeitern nötig, um die Teilnehmer durch Ansprache durch die jungen Mitarbeiter zu binden.

Immer wieder wurde an Termin und Treffen telefo-nisch, per Mail und auch persönlich, erinnert.
Zwischen den Projekttagen kam es zu immer häufige-ren Treffen der Projektteilnehmer. Sie besuchten gemeinsam die unterschiedlichen Angebote der Jugendgruppe der Friedenkirch
e.

   
 

Dabei kam es zu sehr festen Bindungen innerhalb der Projektgruppe.
Die Treffen, zum Bau der „ Dinger“ wurde zu einem Höhepunkt in der Freizeitgestaltung. Die Jungs sehnten  den Projekttag herbei, um sich zur „Gemeinsamen Arbeit“ und zum Austausch zu treffen.

Nach der Erstellung der Grundgerüste der „Dinger“ tobten sich alle in der Ausgestaltung der Figuren aus. Da ging es dann teilweise ans „Eingemachte“.
Fragen kamen auf, warum jemand in sein „Ding„ Eingeweide und Bierdosen einarbeitet, oder aus seinem Kopf Gras wachsen lässt?
Es wurde persönlich. Erst kamen etwas schüchtern und verschämt die Antworten, dann aber immer offener und vertraulicher.
Die Unsicherheit, über Gefühle, Haltungen und Ängste zu sprechen, war überwunden.
Die Gesamtatmosphäre wurde dadurch noch entspannter und offener.
Das Besondere an dem Projekt war, das Frau Lüddecke als weibliche Projektleitung akzep-tiert und nicht in Frage gestellt wurde. Sie war immer wieder Anlaufpartner für kreative Umsetzung einer Idee, und wenn es darum ging, wie Mädchen oder Frauen zu bestimmten Verhaltens und Sichtweisenweisen des männlichen Geschlechts stehen.
Es kaum zu Gesprächen, wie „Mann“ oder „Frau“ denken, handeln und fühlen. Was findet „ Frau“ an „ Mann“ sexy, anziehend oder auch abstoßend.
Oft war der Austausch darüber mit viel Fröh-lichkeit und Ausgelassenheit verbunden.

Die Projektteilnehmer erlebten, das ihre Objekte Fragen auslösten, Gespräche anreg-ten, und das Interesse anderer Jugendlichen an Kunst weckte. Die Jungs konnten über die Herstellung der Objekte und dem Miteinander ihrer Arbeitsgruppe ausführlich berichten.

Großes Interesse wurde ihnen und ihren Objekten von jungen Besuchern der Ausstellung entgegengebracht. Besonders das weibliche Geschlecht zeigte Neugier und wollte über Details der einzelnen „ Dinger“ mehr wissen.

Nach dieser Ausstellung unternahm die gesamte Gruppe einen Ausflug zur Halde, bei Recklinghausen.
Es wurde zu einem anstrengenden Erlebnis, da die „ Dinger“ über 300 Treppenstufen zu einer Aussichtsplattform hochgetragen werden mussten. Jeder hatte schwer an seinem  „ Ding“ zu tragen und war zwischenzeitlich auf die Hilfe des anderen angewiesen.
Immer wieder wurden die Objekte an verschiedenen Stationen in Pose gesetzt, gestellt, gelegt. Immer wieder kam die Inspiration für die „ Haltung“ der Objekte durch die Örtlichkeit ( Treppenstufen, Plattform, Bauzaun, Bagger , Erdhaufen ).
Aber nicht nur Anstrengung und Inspiration waren vorhanden, sondern auch Frust wollte bei einem Teilnehmer aufkommen, nachdem
Transport so gestürzt war, das ein Teil des Kopfes seines „ Dings“ abbrach. Er brach in Tränen aus.
Die anderen Jungs zeigten sich als sehr verständnisvoll und tröstlich in dieser Situation. Jeder versuchte, ihn wieder aufzumuntern. Es ging soweit, das ihn ein anderer Teilnehmer in den Arm nahm und ihm gut zusprach.

 

 
         
  Ergebnis des Projektes:
  • Es entstand durch ein gemeinsames Arbeit und Kunstprojekt eine feste Gruppe, die sich auch nach Abschluss des Projektes weiterhin wöchentlich beim WillmA, in der Jugendgruppe ,beim Sport oder anderen Aktivitäten trifft.
  • Die meisten der Projektteilnehmer entdeckten handwerkliche Fähigkeiten und Begabungen, sowie Interesse an Berufsbildern.
  • Kunst wurde von einem abstrakten Begriff, zu etwas, was begreifbar und brauchbar für den Alltag wurde, da es eine Möglichkeit der Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Gegenüber und der Umwelt darstellt.
  • Gerade die jüngeren Teilnehmer verlangen nach weiteren Kunstprojekten.
  • Es wurde Nähe zugelassen, aber auch gesucht.
  • Es wurde viel und offen miteinander geredet.
  • Es wurde über das eigene Empfinden und über Werte diskutiert .
  • Es wurden Vorurteile gegenüber einzelnen abgebaut und neue Freundschaften geschlossen.
  • Es entstand eine noch nicht da gewesene Verbunden und Akzeptanz der Teilnehmer zu den jungen Projektmitarbeitern.
  • Es entstand beim einigen Teilnehmer der Wunsch, auch einmal Mitarbeiter zu werden, damit solche Aktionen auch in der Zukunft noch lange bestehen bleiben.
  • Fazit der Teilnehmer und Mitarbeiter: Mitarbeit und Zusammenarbeit kann Spaß machen und bringt mich dem anderen näher.

 

 
 
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