Generationsübergreifende Ansätze in der Jugendkulturarbeit

am Beispiel der Foto- und Kunstprojekte der LAG Kunst und Medien

 

Fotos, die die Zeit festhalten

Junge Bilder vom Alter

 

Wenn von Jugendlichen und Senioren die Rede ist, fällt gleich der Begriff Generationenkonflikt, denn die demografische Entwicklung spricht eine eindeutige Sprache, die vorauszusehenden Belastungen der sozialen Sicherungssysteme ebenfalls. Das Alter wird in der Öffentlichkeit leider häufig nur mit dem Begriff Kosten etikettiert. Dies macht besonders die aktuelle Rentendisksussion deutlich.

Trotzdem ist jedoch nach Aussage von Prof. Matthias Albert von der Uni Bielefeld, nicht damit zu rechnen, dass sich ein Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt als wesentliche gesellschaftliche Konfliktlinie etabliert. Der "neue Generationenkonflikt", drängt sich in der öffentlichen Debatte  scheinbar natürlich auf, wenn man sich die demografische Entwicklung vor Augen führt. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass es sich an dieser Stelle um einen von vielen Konfliktpotenzialen unter vielen Verteilungskonflikten in der Gesellschaft handelt.

 
     
 

      

Jugendliche und Senioren leben heute überwiegend nicht mehr in Großfamilien. Die Lebensbereiche sind meist getrennt voneinander.

 „Generationsübergreifende Projekte und Hand-lungsansätze haben viele Stärken: Sie fördern das Miteinander der Generationen und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie kön-nen beitragen altersbedingte Vorbe-halte und Fremdheit zu überwinden“. (1)

 


 
 
 
 

Die Projekte

Die Landesarbeitsgemeinschaft hat inzwischen fünf Fotopro-jekte und ein Kunstprojekt mit Kindern/Jugendlichen und Senioren in unterschiedlichen Städten Nordrhein-Westfalens durchgeführt. Alle Projekte hatten eine nachhaltige Wirkung für die Beteiligten Teilneh-merinnen und Teilnehmer, aber auch für die Angehörigen und Einrichtungen.

Aus den Erfahrungen kann festgestellt werden, dass im Medium der Fotografie viele bislang unterschätzte und wenig bekannte Potenziale für interkulturelles und generationsübergreifendes Lernen enthalten sind. Für generationsübergreifende Foto-projekte ist auch der Erwerb semantische Kompetenz hoch-interessant. Dabei geht es u.a. darum, Fotos in ihrem jeweiligen Kontext angemessen analysieren und deuten zu können. Ein Bild sagt nicht nur etwas über die fotografierte Situation aus, sondern mindestens ebenso so viel – wenn nicht noch mehr – über die deutende Person, die damit Aussagen über ihre Weltsicht und über ihr Bild von sich selbst macht. Dies wird in den Gesprächen zwischen Jugendlichen und Seniorinnen und Senioren deutlich, wenn diese Gespräche entsprechend begleitet werden. Eine zentrale Erkenntnis: Wenn ich anerkenne, dass meine Wahrnehmung, unsere Welt- und Selbst-Bilder Konstrukte sind, kann ich für mich eine – legitime – Position entwickeln, Deine kann aber genauso „richtig“ sein. „Semantische Kompetenz bedeutet also, die Kulturbedingtheit von Wahrnehmung anzuerkennen.“ Prof. Holzbrecher, Päd. Hochschule Freiburg



 
 

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So ist es möglich, fotografische Sichtweisen zu entwickeln, d.h. Motive für einen Betrachter interessant zu machen und etwa seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit einem Foto Geschichten zu erzählen, die der Situation eigene Spannung auszudrücken oder so viel Irritation zu erzeugen, dass ein Betrachter längere Zeit vor dem Foto verweilt, das Fantasien freisetzt oder Nachdenklichkeit provozieren kann.

Die Praxis

Die Projekte  brachten ältere und junge Menschen zusammen um ihnen in intensiven Kommunikationssituationen die Gelegenheit zum Austausch zu geben. Dabei sind u.a. Fotografien, Erinnerungsstücke Anlass als auch gemeinsam erarbeitete Fotografien Ergebnis der Workshops. Ein neues Bild vom anderen entsteht, sowohl bei jungen Mensche als auch bei älteren. Das Projekt stellt die Begegnung zwischen den Generationen und den Abbau von Vorurteilen, neue Sichtweisen über das Jungsein und Älterwerden in den Mittelpunkt.

Zeit und Raum im Bild festzuhalten ist eine der ureigensten Eigenschaften der Fotografie. Alte Fotos der Senioren und der Jugendlichen und andere  Erinnerungsstücke gehören zu den Stationen des Lebens. Überrascht wurde festgestellt, dass viele Dinge die Zeit überdauert haben und auch heute noch aktuell sein können. So ergab sich eine Vielzahl von Anknüp-fungspunkten für Gespräche, die dann auch zu eigenen Fotografieren initiierten. Das Bild wurde so zum Sprechanlass, d.h. es stellt eine Brücke zur Sprache dar. „Bilder sagen mehr als tausend Worte“ heißt ein geflügeltes Wort. Man könnte genauer sein: Sie sagen anderes und auf eine andere Weise und sie sind fast nie eindeutig.

Ein neues Bild vom anderen entsteht, sowohl bei jungen als auch bei älteren Menschen.

 


 
                                                                                   
     

Aber die Fotografie ist nicht nur Anlass zum Gespräch, sondern Jugendliche und Senioren halten in diesem Projekt ihren eigenen Lebensabschnitt, der in der Kombination für viele nicht mehr zum eigenen Alltag gehört, im Bild fest.

Jugendliche in der Pubertät sind in ihrem Rollenverhalten und ihrem Selbstbild oft verunsichert und haben deshalb Schwierigkeiten mit ihren Fotos. Allerdings gehen sie heute auch unbekümmerter damit um. Schnelle Fotos werden mit dem Handy geschossen und verschickt. Die fotografische Qualität ist dabei nicht so wichtig. In der Regel werden diese Bilder auch nicht ausgedruckt und sind nur einem kleinen Kreis in ihrer Clique präsent.

Schwierigkeiten mit dem Fotografieren haben auch ältere Menschen. Besonders dann, wenn Sie in einer Senioreneinrichtung untergebracht sind. Sie empfinden sich nicht mehr „gut genug“ für ein Foto und fühlen sich oftmals unbeachtet und ausgegrenzt. Viele sind auch lange nicht mehr fotografiert worden. Dies gilt insbesondere dann, wenn keine Angehörigen mehr vorhanden oder in der Nähe sind.  Hier ist im Laufe des Projektes eine deutliche Veränderung im Fotografier-Verhalten festzustellen. Es geht viel unbekümmerter  zu. Das lässt sich auch an den Ergebnissen ablesen.

     

Fotografien sind aber für ältere Leute von großer Bedeutung. Bilder von Familienmitgliedern, von besonderen Ereignissen wie Hochzeiten und Geburtstagen werden gerne betrachtet oder sogar „altarähnlich inszeniert“. Fotoalben werden gerne zur Erinnerung herangezogen. 

Wie sah die Jugend der „Groß- bzw. Urgroßeltern“ aus. Wie war das mit der Musik, der Kleidung, der Schule und wie sieht das heute aus.

Wichtig ist es, dass alle am Projekt beteiligten Personen die Bereitschaft mitbrachten voneinander etwas Neues lernen zu wollen. Jugend oder Alter sind an sich kein Privileg etwas besser zu können. Wichtig sind menschliche Erfahrungen von jungen und älteren.

Aus pädagogischer Sicht beinhaltet das Foto ein unendliches Potenzial, denn wenn etwas mehrdeutig ist, können mehrere Sichtweisen zugelassen werden. „Richtig“ oder „falsch“ gibt es nicht. Wenn mehrere Deutungen möglich sind, kann spielerisch und kommunikativ damit umgegangen werden.

So wird es möglich, fotografische Sichtweisen zu entwickeln, d.h. Motive für einen Betrachter interessant zu machen und etwa seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit einem Foto Geschichten zu erzählen, die der Situation eigene Spannung auszudrücken oder so viel Irritation zu erzeugen, dass ein Betrachter längere Zeit vor dem Foto verweilt, das Fantasien freisetzt oder Nachdenklichkeit provozieren kann. Das Foto kann so die Persönlichkeit stärken

      
 
 

   

         

Bei allen Beteiligten ist eine Stärkung der Persönlichkeit, des Selbstwertgefühls festzustellen. Eine Identifikation mit eigenen und fremden Lebensperspektiven mit den Mitteln der Fotografie und Kommunikation wurde ermöglicht. Eine intensive Kommunikations-Situation konnte geschaffen und erlebt werden.  Diskussion über Lebensperspektiven (früher, heute) der eigenen und der Lebenssituationen der anderen, vergleichen der Perspektiven. Austausch der  Erfahrungen von Älteren und Jungen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenzentren waren sehr erfreut, über die Abwechslung, die das Projekt in ihren Alltag brachte. Ein anderer Satz war häufig zu hören: „Mit solchen Begegnungen sind wir keine Insel mehr“.

Das Verhalten einiger, der abgebildeten Menschen veränderte sich plötzlich positiv. Sie wurden aktiv und achteten auf ihr Äußeres (z.B. auf die Kleidung und Frisur), was vorher für sie keine Bedeutung mehr hatte.

Durch die Ausstellung und das Projekt bekamen sie das Gefühl, ich werde beachtet und als Persönlichkeit anerkannt. Eine Wirkung des Projektes, die so nicht vorhersehbar war.

 

Generationsübergreifendes „Kunst“- Projekt (Junge Bilder vom Alter (2)

Was im Jahr 2008 als Fotoprojekt begann, hat sich inzwischen etabliert und ist zum Dauerbrenner geworden. Die Landesarbeitsgemeinschaft Kunst und Medien hat auf Initiative von Karlheinz Strötzel und Heidi Stein ein Folgeprojekt durchgeführt. Von  Januar bis zum Beginn der Sommerferien 2009 gab es ein weiteres generationsübergreifendes  Projekt. Diesmal arbeiteten 15 Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Hauptschule (mit Kunstlehrer Rolf Noack und Heidi Stein) und 12 Seniorinnen und Senioren des Seniorenzentrums St. Elisabeth künstlerisch zusammen.

Mit bildnerischen Mitteln (Malerei, Zeichnung, Materialcollage entstanden 11 gemeinsame Arbeiten, die in Ausstellungen präsentiert werden. Die geschaffenen Bilder haben u.a. eine Größe von einem Quadratmeter und bestehen aus einzelnen Feldern. Sie wurden jeweils von Jugendlichen und Seniorinnen/Senioren in einem gemeinsamen Arbeitsprozess gestaltet. Die so gestalteten Bilder wurden anhand von Anregungen durch Kataloge, Bücher und Kalender mit  Werken der Künstler Andy Warhol, Friedensreich Hundertwasser, James Rizzi, Keith Haring und Heinz E. Hirscher erarbeitet. Das geschah immer partizipativ zwischen Jugendlichen und Senioren. Das Interesse an der künstlerischen Arbeit bei den Senioreninnen führte inzwischen dazu, dass sie sich auch Utensilien zum Malen von ihren Angehörigen schenken ließen.

Zum Projekt ist auch eine DVD-Diaschau mit Videosequenzen und ein Fotobuch erstellt worden.

Während zunächst Schule und Senioreinrichtung, Jugendliche, Lehrer und Senioren den Projekten skeptisch gegenüberstanden, gibt es jetzt ein gemeinsames starkes Interesse an der Weiterführung dieses Ansatzes. In jedem Jahr stoßen neue Jugendliche und Senioren dazu. Es gibt inzwischen sogar die Erwägung einer Patenschaft zwischen Hauptschule und Senioreneinrichtung.

2010 wird das Projekt fortgesetzt. Es trägt den Titel: Generationen 15 plus. Das gemeinsame künstlerische Arbeiten steht auch diesmal wieder im Mittelpunkt.

(1) Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW in einem Brief an die LAG Kunst und Medien zu ihren Projekten für Generationen vom 29.7.08

Info: Artikel aus der WAZ vom 10.7.2009: "Sagenhaft viele Ideen" (PDF-Datei)

        Artikel aus der Dorstener Zeitung zur Vorbereitung des neuen Projektes vom 3.11.2009

         

     Fotoverfremdungen der Beteiligten     Anregungen durch James Rizzi                  Ausstellung in der Schule

       

Materialcollagen nach Heinz E.Hirscher         Anregungen durch Keith Haring            Hommage an Andy Warhol

      

   Anregungen durch den Hundertwasser

  

                   Bilder von der Ausstellungseröffnung im Seniorenzentrum St. Elisabeth am 9.7.2009

 
 

   

Ausstellung in der VHS Dorsten 8.1. bis 5.2.2010

In 2010 wit einer neuen Gruppe von Jugendlichen das Thema Kunst und Natur behandelt - vom gemalten Bild zur Landart

siehe auch 2.Projektseite

 
 
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